
Domenico Tavecchio war vom 3. Oktober 1943 bis März 1945 im heutigen Eschenburg – nicht freiwillig: Der Mann aus Erba am Comer See wurde damals nach Deutschland deportiert und musste als Zwangsarbeiter im Sägewerk Holighaus arbeiten. Über diese verlorenen zwei Jahre hat „Nonno“ nie sprechen können, nur einmal brach es vor seinem Tod 1989 aus ihm heraus und er erzählte unter Tränen. Wichtig war ihm: „Ich möchte, dass ihr meine Geschichte euren Kindern erzählt, damit sie nicht vergessen, was Krieg bedeutet!“
Dokumente aus der Zeit hat Domenico Tavecchio seinerzeit vernichtet. Zu schwer lastete das Erlebte auf ihm. Nur eine Postkarte vom 6. Juni 1944 ist erhalten, die er an seine junge Frau Delfina und ihre sechsjährige Tochter Tiziana schrieb. Die “Kriegsgefangenenpost” aus dem „Stammlager XI-A“ enthielt den Stempel „geprüft“. Hiermit ging die Familie auf Spurensuche.
Urenkelin Arianna hatte sich in der Schule mit dem Thema Krieg intensiver befasst. Mutter Barbara Tavecchio nahm die Recherchen in die Hand. Mit Hilfe des Arolsen-Archivs kam die Familie auf Eiershausen, wo der Großvater im Sägewerk arbeiten musste. Das Stammlager „STALAG IX A“ war in Trutzhain bei Schwalmstadt. Von dort wurden Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter verteilt.
In Eibelshausen gab es während des Krieges ein Lager der Buderus´schen Eisenwerke, mit rund 400 polnischen und russischen Frauen und Männern. Verschiedene Betriebe brachten ihre Zwangsarbeiter im Gemeinschaftslager „Eibertshain“ unter, das zwischen Januar 1943 und März 1945 bestanden haben muss.
In der Chronik der Firma Holighaus ist zu lesen, dass im Dezember 1944 noch 53 Menschen im Betrieb arbeiteten, darunter 12 Italiener und ein Franzose. Die Disziplin war so streng, dass selbst der ruhige Domenico einmal in Wut geriet, als ein deutscher Wachmann die aufgestapelten Baumstämme wieder vom Laster rollen ließ. Als der Italiener die Hände am Hals des Peinigers hatte, sah er plötzlich das Bild seiner kleinen Tochter vor sich, kam wieder zur Vernunft und beugte sich vor, um dem Aufseher die Füße zu küssen.
Als Barbara Tavecchio diese Szene schilderte, erstickten Tränen ihre Stimme. Ein Besuch im Rathaus der Gemeinde Eschenburg war das Ziel einer Zeitreise, die sie zusammen mit ihren Eltern, ihrem Bruder und ihrem Mann sowie den beiden Töchtern zwischen Weihnachten und Silvester nach Deutschland unternahm. Alles war gut geplant. Am ersten Tag wurde das Dokumentations- und Informationszentrum in Stadtallendorf besucht, am zweiten Tag die Gedenkstätte des Stammlagers Trutzhain und am dritten Tag Eschenburg. Zur Vorbereitung waren viele E-Mails von Italien nach Deutschland gegangen und die KI-Technik hat beim Sammeln und Übersetzen geholfen. Mit dem Regionalmuseum Eschenburg konnten die Chronik der Firma Holighaus (noch auf Schreibmaschine geschrieben) und einige alte Schwarz-Weiß-Fotos aus der Zeit gefunden werden. Auch wenn darauf nur die schweren Holzstämme zu erkennen waren… davon hatte Großvater „Nonno“ gesprochen – manchmal auch nur im Traum. Aus den zusammengetragenen Dokumenten ergab sich jetzt auch für die Nachfahren ein Bild. „Es ist für uns sehr bewegend“, schrieb Barbara Tavecchio zu Weihnachten.
Nach Stadtallendorf und Trutzhain war Eschenburg für die Familie die wichtigste Station ihrer Zeitreise. Auch wenn es nicht viel zu zeigen und zu sehen gab außer alten Fassade-Resten am früheren Holighaus-Gelände – hier hatte er die zwei Jahre erlebt und überlebt. Der gemeinsame Besuch der wenigen heute noch sichtbaren Spuren und der Austausch im Rathaus machten aus einer historischen Recherche eine persönliche Begegnung.
„Andere fahren zwischen den Feiertagen in Ski-Urlaub oder machen eine Kreuzfahrt. Diese Zeitreise der Familie Tavecchio und das Interesse der Kinder aus drei Generationen hat uns angerührt. Das gemeinsame Erinnern und zusammentragen ist ein wichtiger Schritt, miteinander mit der Geschichte zu leben“, sagte Bürgermeister Götz Konrad. „Wir werden uns näher mit dem Thema befassen“, ergänzte Katrin Schwehn vom Gemeindevorstand.
Beide Töchter der Tavecchios – 14 und 16 Jahre alt – wollen zusammen mit Mutter Barbara zum 27. Januar an der Schule einen Vortrag über ihre Zeitreise und die Geschichte ihres Vorfahren halten. Auch in Eschenburg war diese Spurensuche ein Anlass weiter zu forschen: „Für uns ist er ein Anfang: Ein Schritt hin zu weiterer Aufarbeitung und Vermittlung lokaler Geschichte – in Zusammenarbeit mit der Gemeinde, den Angehörigen und überregionalen Erinnerungsorten“, sagt Melanie Krüger, Vorsitzende des Vereins Regionalmuseum Eschenburg.

Versöhnen statt vergessen: Gemeinsam über Geschichte reden
Wenn am 27. Januar – dem Tag der Auschwitz-Befreiung – am Rathaus Halbmast geflaggt ist und die ganze Welt der Opfer des Nationalsozialismus gedenkt, denke ich an Familie Tavecchio. Ihre Zeitreise und Spurensuche hier, hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, über gemeinsame Geschichte zu reden.
Weil die Erlebens-Generation über das Erlebte nicht reden konnte, bekamen die Kinder meist keine Antwort auf ihre Fragen und damit auch keine persönliche Beziehung zur Geschichte – so war das bei vielen nach dem Krieg.
Domenico Tavecchio wurde während des Zweiten Weltkriegs nach Deutschland verschleppt und musste in Eiershausen Zwangsarbeit im Sägewerk Holighaus leisten. Zurück in Italien brach es nur einmal aus ihm heraus, was ihn bis zu seinem Lebensende belastete. Er hätte im Moment des Zorns auch seinen Peiniger erschlagen können und die Geschichte wäre anders verlaufen. Hat er aber nicht. Er hat an seine Frau und die kleine Tochter gedacht und hat seinem Peiniger die Füße geküsst. Ein Sieg der Menschlichkeit.
Wir werden diese Geschichte weitererzählen. Italienische Zwangsarbeiter war für mich neu, aber offenbar kein Einzelschicksal. Luftkriegs-Experte Claudio Becker, der uns zum Volkstrauertag einen Vortrag gehalten hat, wird uns weiter helfen auf der Suche nach der vergangenen Gegenwart. Die Lager in Eibelshausen und die Zwangsarbeit auf der Hütte und in anderen Betrieben sind ebenso Schauplätze dieses Wahnsinns namens Weltkrieg. Den Mitgliedern des Vereins Regionalmuseum Eschenburg und Übersetzerin Agata Reichmann danke ich herzlich für die Hilfe. Wir werden genau so weitermachen und auch die Geschichte von Domenico Tavecchio auf unserer Seite www.eschenburg.de/volkstrauertag erzählen. Sein Mahnen ist auch unser Auftrag: Unsere gemeinsame Geschichte erzählen, damit auch die nachfolgenden Generationen nicht vergessen, was Krieg bedeutet. Versöhnen statt vergessen.